«
»

Top

Patientengeschichte: Allmähliches Abgleiten in die Depression

09.06.2020 • 1 Kommentar

Rubis28, Mitglied von Carenity Frankreich, wollte ihre Geschichte über das allmähliche Enstehen von Depressionen nach wiederholten Traumata in ihrer Jugend erzählen. Heute offenbart sie ihren täglichen Kampf zur Überwindung der Depression.

Patientengeschichte: Allmähliches Abgleiten in die Depression

Hallo Rubis28, Sie wollten über Depressionen sprechen.
Könnten Sie uns zunächst mehr über sich selbst erzählen?  

Hallo! Ich bin fast 23 Jahre alt und bereite in einem großen Unternehmen die Bestellungen vor. Wir verwalten die nicht verkauften Waren, lagern sie ein und schicken sie gegebenenfalls zurück.
Meine bevorzugte Freizeitbeschäftigung ist das Zeichnen. Ich versuche alles: Tusche, Aquarellfarbe, Filzstifte, Kohle... Ich höre Musik und lese viel. Ich liebe auch Spaziergänge.

Ab welchem Zeitpunkt haben Sie sich schlechter gefühlt? Wie haben Sie es bemerkt?

Die Depression kam ziemlich schnell. Es ist eine ziemlich komplizierte Geschichte. Mit etwa 13 hat mich ein angeblicher "Freund" und ein Freund von ihm dreimal sexuell missbraucht. Ich habe meiner Familie nie davon erzählt.
Ich merkte, dass es mir nicht so gut ging, sobald die Leute um mich herum anfingen, mir zu sagen, dass ich nicht viel rede und dass ich einen leeren Blick in meinen Augen hatte. An diesem Punkt fing ich an, dunkle Gedanken und den Drang zur Selbstverletzung zu haben.
Eine zweite schwere Depression kam 2018, verbunden mit einem Selbstmordversuch. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade einen Arbeitsunfall gehabt. Ich nahm sehr viel an Gewicht zu. Ich musste meinen beruflichen Weg ändern. Ich hatte keine Unterstützung von meinem Ex-Partner, weder physisch noch moralisch, der mich auch sexuell missbrauchte.

Sie verfielen allmählich in Depressionen. Wie ist Ihre psychische Gesundheit jetzt? Was sind die Anzeichen und Symptome einer Depression in Ihrem täglichen Leben?

Der tägliche Umgang mit einer Depression ist kompliziert. Es gibt Tage, an denen alles in Ordnung ist, und andere, an denen ich mich fühle, als ginge ich durch die Hölle. Es ist ein langer und schmerzhafter Abstieg. Ich weiss nie, wann ich falle, aber ich weiss, dass ich es früher oder später schaffen werde. Tagsüber ist es leichter zu bewältigen, weil ich Menschen sehe. Aber abends ist es ein bisschen "apokalyptisch", so dass ich zeichne, um an etwas anderes zu denken.

Wurde bei Ihnen eine Depression diagnostiziert? Sind Sie in Behandlung?

Mein Arzt bemerkte, dass es mir nicht gut ging, und überwies mich an einen Psychologen. Der Psychologe vermittelte mir Schuldgefühle für das, was mit mir passiert ist. Er sagte: "Wissen Sie, es gibt schlimmere Dinge, die Ihnen passieren, als Sie anderen Menschen antun. Sie müssen nach diesen Jungen gesucht haben! Sie hätten aufpassen sollen, das sind Männer!".
Diese Sitzungen weckten in mir den Wunsch, die Erkrankung allein zu bekämpfen.
Mein jetziger Partner unterstützt mich dabei sehr. Ich finde auch Zuspruch auf Carenity.

Nehmen Sie Medikamente ein?

Ich habe Alprazolam eingenommen, aber nach 5 Monaten Behandlung spürte ich keine Wirkung. Also beschloss ich, die Behandlung abzubrechen.

Wie haben sich Ihre Depressionssymptome entwickelt?

Manchmal wird es einfach immer schlimmer und schlimmer! Ich sehe nichts, höre nichts, nur Leere... und ich weine sehr viel. Ich habe immer noch Hoffnung, denn es gibt ganze Wochen oder Monate, in denen "alles in Ordnung" ist.

Wissen Ihre Familie und Freunde darüber Bescheid? Unterstützen sie Sie?

Mein Freund kennt und unterstützt mich. Meine Familie hat meine Krankheit nie wirklich ernst genommen. Sie meinten: "Ich bin zu jung, um depressiv zu sein".

Hat Ihre Depression Auswirkungen auf Ihr berufliches und/oder persönliches Leben?

Die Depressionen wirken sich nicht auf mein Berufsleben aus. Ich bin ein sehr zurückhaltender und schüchterner Mensch, so dass es niemand sieht. Mein Privatleben leidet jedoch unter den Folgen. Ich ziehe mich zurück, ich bin nervös und nervös. Ich schlafe sehr schlecht. Ich lache fast nie. Es gibt Zeiten, in denen ich an viele Orte gehen und viele Dinge tun möchte, andere, in denen ich mein Haus nicht verlassen möchte.

Haben Sie durch die Unterstützung Ihres Partners Anzeichen einer Verbesserung festgestellt?

Ich fühle mich wirklich angehört und von meinem Freund unterstützt. Ich fühle mich weniger einsam. Ihm von meiner Depression zu erzählen, hat mir eine Last von den Schultern genommen.

Gibt es etwas, was Sie Menschen, die ebenfalls an Depressionen leiden, sagen oder raten  möchten?

Ich möchte, dass Patienten mit Depressionen ihre Bedeutung erkennen. Dass man, auch wenn das Leben völlig dunkel erscheinen mag, wissen muss, wie man sich zurückzieht, einige Aktivitäten findet, mit seinen Mitmenschen spricht und vor allem die Hilfe annimmt, die einem angeboten wird.
Man muss sich um seinen Körper und Geist kümmern!
Vor allem aber sollten Sie sich niemals nutzlos oder fehl am Platz fühlen. Und Sie dürfen niemals aufgeben, auch wenn so verläuft wie es sollte!
Manchmal kann eine kleine Veränderung oder eine neue Begegnung ein echter Wendepunkt sein!

 

Vielen Dank an Rubis28, dass sie sich bereit erklärt hat, ihre Geschichte auf Carenity zu erzählen.
Und Sie, waren Sie jemals an einem Punkt, an dem Sie in eine Depression abgeglitten sind? Was waren die ersten Anzeichen?
Sie können im Kommentar darüber berichten.

avatar Candice Salomé

Autor: Candice Salomé, Community Manager Frankreich

Candice Salomé ist Community Manager Frankreich bei Carenity. Sie ist auch an der Abfassung von Artikeln für das Gesundheitsmagazin beteiligt. Sie ist für die Mitgliederbeteiligung der... >> Mehr erfahren

Kommentare

bastlerdirigent
am 26.06.20

Hallo Rubis 28,

ich bin Mutter von zwei depressiven, eines davon traumatisiertem, Kindern. 

Es tut mir gut, zu hören, dass Sie Ihren Weg so in etwa zurück ins Leben gefunden haben, läßt es mich doch Mut schöpfen, meinen Kindern auch weiterhin Wegbegleiter zu sein.

Es ist erstaunlich, und erschreckend zugleich, wie unsensibel manch Psychologen oder Therapeuten sind.

Meine Kinder hatten jeweils unabhängig voneinander das „Glück“ an einen Therapeuten zu geraten, in beiden Fällen ein Psychiater bedingt nach Suizidversuch, der Ihnen, wie Ihr Psychologe auch, Ihnen knallhart sagte, dass es Schlimmeres gäbe. 

Ich weiß nicht, was schlimmer sein kann, wenn ein Mensch freiwillig aus dem Leben gehen möchte.

Ich weiß nicht, was schlimmer sein könnte, wenn ein Heranwachsender nicht mehr in der Lage ist, begründet oder unbegründet ist da erst einmal total irrelevant, sich einem anderen Menschen(sei es Familie, sei es Freunde, sei es vertraute Personen (Lehrer/Trainer/Pfarrer,...) nicht mehr anvertrauen zu können.

Ich weiß nicht, was schlimmer sein kann, wenn die Umwelt in die dunkle Höhle eines Menschen nicht mehr vordringen kann, die betroffene Person nicht mehr erreichen kann.

Sicher: Sport,Musik hilft, das Gedankenkarusell zu unterbrechen. Dadurch entsteht manchmal auch die Chance, den dunklen Käfig etwas zu öffnen, etwas Licht hereinzulassen. Es ist eine Chance, auf diesem „Lichtpfad“ entlangzugehen, sich wieder anderen gegenüber öffnen zu können.

Was ich so enorm schade finde und auch als verletzend für den depressiven Mensch empfinde, ist die Tatsache, dass nur zu oft von kleinen positiven Situationen erwartet wird, dass diese die Lösung des Knotens der Depression sind.

Dabei sind sie „nur“ positive Situationen als Gegenpol zu der lähmenden Dunkelheit. 

Als Mutter habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese positiven Situationen eine Art Schlüssel sein können, um Zugang zu finden, um unterstützen zu können aus dem Gedankenkarusell herauszukommen. Bedeutet aber auch, dass ich als Mutter sehr flexibel sein muss, was nicht immer leicht fällt.

Ich erlebe und erlebte immer wieder als Mutter zweier depressiver Kinder, dass genau diese Haltung die Heranwachsende sogar tiefer in eine Depression abgleiten ließen.

Erlebnisse wie Vergewaltigung sind sehr intime, sehr individuelle Verletzungen, die sogar ein Trauma auslösen können. Nun einem Menschen vorzuwerfen, dass es Schlimmeres gäbe, macht mich nicht mehr sprachlos, sondern mittlerweile wütend, denn es geschieht nur allzuoft.

Gleichzeitig erlebe ich, wie Kosten einen eventuellen Behandlung eine enorme Rolle spielen: die Kinder und Jugendliche sind nur zu oft sich allein gelassen- sinken nur tiefer in ihre dunkle Welt ab.

Meine beiden Kinder sehen ihre Situation als sehr bedrohlich an, weil keiner gewillt ist, Ihnen zu helfen. Sie haben manchmal nicht mehr die Kraft aus dem Bett aufzustehen.

Für einen Partner, für die Familie bedeutet ein depressive Mensch eine echte Herausforderung. Es ist eine Gradwanderung zwischen zuhören/Verständnis/fordern/fördern und Zuspruch, sowie einfach nur da-sein.

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie niemals den Mut und die Hoffnung verlieren mögen, sich dieser(in meinen Augen sehr schweren) Krankheit zu stellen. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie für sich einen richtig guten Umgang mit dieser Krankheit namens Depression erarbeiten und auch halten können.

Sie werden auch mögen