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Physiotherapie, chronische Erkrankungen und Schmerzen: die Antworten eines Experten

06.09.2019 • 5 Kommentare

Der Physiotherapeut François Perrin aus Paris erklärt, wie seine Behandlungen Patienten mit chronischen Erkrankungen helfen können, Schmerzen besser zu bewältigen und ihre Funktionsfähigkeit zurückzugewinnen, insbesondere sich besser zu bewegen und eine angepasste körperliche Aktivität zu finden.

Physiotherapie, chronische Erkrankungen und Schmerzen: die Antworten eines Experten

Können Sie mit wenigen Worten erklären, worum es bei der Physiotherapie geht?

Physiotherapie, auf Englisch physical therapy, ist die Behandlung von körperlichen und motorischen Einschränkungen, die durch Verletzungen und Krankheiten entstehen, die Muskeln, Gelenke, Knochen, das neurologische System (Gehirn, Nerven, Rückenmark), die Atmungsorgane (Lunge) und das Herz-Kreislaufsystem (Herz und Blutgefäße) betreffen können.

François Perrin, Physiotherapeut

Welche chronischen Erkrankungen können durch Physiotherapie behandelt werden?

Es gibt da viele. Die Physiotherapie wird in vielen medizinischen Fachgebieten wie Neurologie (Schlaganfall, Parkinson), Traumatologie, Rheumatologie, Pneumologie etc. eingesetzt.

In der Rheumatologie wird die Physiotherapie beispielsweise als Grundbehandlung von Krankheiten wie Multiple Sklerose, Osteoarthritis, rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew oder Borreliose eingesetzt.

In diesem Jahr steht der Welttag der Physiotherapie ganz im Zeichen der chronischen Schmerzen. Wie kann diese Disziplin chronische Schmerzen bekämpfen?

Die Physiotherapie ermöglicht es, schmerzstillende Techniken einzuführen, die darauf abzielen, den Patienten mit chronischen Schmerzen zu entlasten. Das ist z.B. bei Massagen, Elektro- oder Balneotherapie der Fall, die einen unmittelbaren Einfluss auf die Schmerzen haben. Um Schmerzen nachhaltig zu lindern, werden diese Methoden oft mit Mobilisierungs-Übungen kombiniert.

Wenn es schmerzt, ist es schwierig, sich für Übungen beim Physiotherapeuten zu begeistern. Was würden Sie unseren Lesern sagen, die sich in dieser Situation befinden?

Einige Patienten haben Angst vor Bewegung, weil sie die Zunahme ihrer Schmerzen befürchten. Der Besuch eines Physiotherapeuten ermöglicht es ihnen hingegen, diese Barriere auf eine sehr sanfte und progressive Weise zu überwinden. Nur so können Sie Ihre funktionellen Fähigkeiten wiedererlangen. Der Teufelskreis "Ich habe Schmerzen, ich bewege mich nicht" muss um jeden Preis vermieden werden. Die Lösung besteht darin, bei der Intensität und Wiederholung der von Ihnen erreichten Bewegungen progressiv zu sein.  Ich sage oft, dass sich der Körper an die Anforderungen anpasst! Wenn man ihn nichts abfordert, passt er sich dem "Nichts" an und verliert so seine Fähigkeiten. Andererseits wird er auf Impulse immer positiv reagieren und die Entwicklung der Funktionsfähigkeiten ermöglichen.

Welche einfachen Übungen empfehlen Sie Patienten, um täglich gegen Schmerzen vorzugehen?

Ich kann diese Frage so nicht beantworten, weil sie von der Symptomatik des Patienten abhängt. Aber im Allgemeinen ist es wichtig, einfache Bewegungen auszuführen, die die Physiologie des Körpers respektieren. Die Übungen müssen einfach zu machen sein, damit sie gut gemacht werden und der Patient sie täglich gerne wiederholen kann!

Ist es wichtig, zwischen den Physiotherapie-Einheiten körperlich aktiv zu sein?

Der Physiotherapeut wird geschult, um Ihnen bei der Auswahl einer auf Ihre Situation abgestimmten körperlichen Aktivität zu helfen. Bei einigen Behandlungen ist es besser, zwischen zwei Einheiten nicht körperlich aktiv zu sein: Wenn sich beispielsweise Ihr Knie in der entzündlichen Phase der Arthrose befindet, ist es klar, dass es nicht ratsam ist zu Joggen! Andererseits erfordern andere Behandlungen die Ausübung einer Sportart zwischen den Einheiten: Wenn Sie sich beispielsweise in der Rehabilitationsphase nach einer Verstauchung des Knöchels befinden, ist es wichtig, die Rehabilitation mit angepassten Aktivitäten abzuschließen.

Gibt es neue Techniken im Bereich der Physiotherapie?

Ja, die Physiotherapie entwickelt sich enorm, es gibt viele wissenschaftliche Studien, die durchgeführt werden und die die Behandlung verändern. Physiotherapeuten haben die Pflicht zur kontinuierlichen Fortbildung, die es ihnen ermöglicht, über die Behandlungen, die sie ihren Patienten anbieten, auf dem Laufenden zu sein.

Wenn Sie an entzündlichem Rheuma wie rheumatoider Arthritis leiden, können Sie bei einem Schub zu Ihrem Physiotherapeuten gehen?

Natürlich! Der Physiotherapeut wird schmerzstillende Techniken anwenden, um die durch diese entzündliche Phase hervorgerufenen Schmerzen zu reduzieren.

Die WCPT (World Confederation for Physical Therapy) erklärt, dass Krebspatienten auch von einer Physiotherapie profitieren können, können Sie uns mehr darüber erzählen?

Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, aber ich weiß, dass für einige Krebsarten Behandlungen durchgeführt werden und die Ergebnisse sehr ermutigend sind. So ermöglicht beispielsweise bei Darmkrebs die körperliche Aktivität eine "Entleerung des Verdauungstrakts", die das Wachstum von Metastasen verhindert, da sie nicht mehr über die für ihre Entwicklung notwendigen Nährstoffe verfügen.

Hat der Physiotherapeut über die körperliche Betätigung hinaus eine Rolle bei der Begleitung und Beratung der Patienten, damit sie lernen können, ihre Schmerzen besser zu bewältigen?

Mir scheint, dass dies ein sehr wichtiger Punkt ist.

Ich denke, es ist wichtig, dass ein Patient mit chronischen Schmerzen von einem Arzt wie einem Physiotherapeuten behandelt wird. Aufgrund der Vielzahl der Sitzungen erfolgt die Nachsorge je nach Krankheitsbild wöchentlich oder sogar täglich und ermöglicht es dem Physiotherapeuten, seinen Patienten so gut wie möglich zu kennen. Das ermöglicht es ihm, sich an die Schmerzintensität seines Patienten anzupassen.       

Gibt es chronische Schmerzen oder Krankheiten, bei denen der Einsatz von Physiotherapie nicht empfohlen oder nicht wirksam ist?

Es gibt natürlich viele Erkrankungen, für die es nicht nützlich sein wird. Zur Erinnerung: Physiotherapeutische Verfahren werden von Ärzten verschrieben, so dass es ihnen freisteht, aufgrund ihrer Diagnose zu entscheiden, ob sie eine Physiotherapie einsetzen wollen oder nicht.

 

Und Sie, haben Sie schon einmal eine Physiotherapie ausprobiert?
Welche Auswirkungen gab es auf Ihre Mobilität?

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Treffen Sie unseren Physiotherapie-Experten

François Perrin ist Physiotherapeut und Masseur in Paris. Der ehemalige Spitzensportler, Absolvent der Pariser Schule für Physiotherapie (ADERF) und eines Master-Abschlusses in Sportwissenschaften (Universität Paris Descartes V) wurde mehrere Jahre am Institut National du Sport (INSEP) und am Pariser Saint-Germain Training Centre (PSG) ausgebildet. Er hat sich Sporttraumatologie, Pädiatrie (Bronchiolitis), Rheumatologie, Traumatologie, Neurologie und Lungenentzündung spezialisiert. Seine physiotherapeutischen Beratungen führt er in seiner multidisziplinären Praxis mit einem Hausarzt, einem Psychiater und einem Chiropraktiker durch.

avatar Louise Bollecker

Autor: Louise Bollecker, Content Manager & Community Manager Frankreich

Louise ist Community Managerin von Carenity in Frankreich und Chefredakteurin des Gesundheitsmagazins. Sie bietet allen Mitgliedern Artikel, Videos und Erfahrungsberichte. Ihr Ziel ist es, die Stimme der Patienten zu... >> Mehr erfahren

Kommentare

am 08.09.19

meine 2x in der Woche stattfindende Physiotherapie ist für mich sehr wichtig,denn sonst wäre ich nicht dort wo ich jetzt bin!

Hoffe das meine Krankenkasse mich weiterhin darin unterstützt und mir sie nicht streicht

am 23.09.19

Hallo @Pseudo kaschiert‍,

Es freut mich zu hören dass Ihnen die Physiotherapie guttut!

Wer möchte noch über seine Erfahrungen mit Physiotherapie und der Krankenkasse berichten?

Viele Grüsse,
Dorothea

am 07.10.19

 Ich bekomme auch 2 mal Phhysio in der Arbeit!

am 24.10.19

Habe ich auch bekommen und tat mir sehr gut. Bei Knochenkrebs ist Wassergymnastik sehr wichtig. Seit dem bekomme ich keine Physiotherapie mehr. Obwohl beides so wichtig wäre. Ich habe ein Jahr mit der Krankenkasse gekämpft und dann aufgegeben. Leider mache ich keine Übungen zu Hause für mich ich bin so überfordert mit meinen Alltag das ich die festen Termine brauche. Gehe jetzt im November mit meiner Freundin zu Feldenkrais vom Kneipp Verein 12 Stunden kosten für Mitglieder 52€ ich hoffe es hilft mir. Lg Annatoula 

am 25.12.19

Ich hatte letztes Jahr eine stationäre Reha wegen meiner Nackenschmerzen, aber auch wegen des ganzen Stress, den mein Umzug im Jahr davor bei mir verursacht hat. Diese drei Wochen haben mir sehr gut getan, denn das war wirklich eine Mischung aus vielen physiotherapeutischen Übungen (Übungen an Geräten, Wassergymnastik, Gymnastik allein und in der Gruppe, Massagen usw.) und Entspannung.

Leider ist das am Ende der drei Wochen nicht fortgeführt worden, ich hätte da wohl was beantragen müssen (hatte diesbezüglich leider kein Gespräch bzw. Beratung während der Reha, da die Dame leider krank war...). Da ich danach aber wieder ganz normal arbeiten gegangen bin, ist das leider in Vergessenheit geraten. Zudem hatte ich einen Jobwechsel, wodurch erneuter Stress entstanden ist - ich könnte durchaus noch eine Reha vertragen, aber die bekommt man leider viel zu selten. Und im normalen Alltag gezielt Bewegung einzubauen, gelingt mir (zumindest zurzeit) einfach nicht, obwohl es so wichtig wäre, da ich einen Bürojob habe...

Da geht es mir dann leider ähnlich wie Annatoula - wobei ich leider keine "Mitstreiterin" habe, die mich mitziehen könnte. Und allein den "inneren Schweinehund" zu überwinden, ist sehr schwer...

Liebe Grüße

Karin

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