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MediatorⓇ: Ein Überblick über seine Nebenwirkungen.

Veröffentlicht am 27.04.2021 • Von Aurélien De Biagi

MediatorⓇ oder Benfluorex in INN (internationaler Freiname) wurde erstmals 1976 in Frankreich (sowie in anderen europäischen Ländern) von den Laboratoires Servier vermarktet. Es wurde am 30. November 2009 nach der Feststellung schwerwiegender Nebenwirkungen (Herzklappenfehler und pulmonale Hypertonie) vom französischen Markt genommen. Obwohl diese Wirkung schon lange vor 2009 bekannt waren, wurde es weiterhin viele Jahre vermarktet.

MediatorⓇ, wie funktioniert es? Was waren die Indikationen dieses Medikaments? Warum wurde es vom Markt genommen? Was sind die Nebenwirkungen? Wir sagen Ihnen alles hier!


MediatorⓇ: Ein Überblick über seine Nebenwirkungen.

MediatorⓇ

Benfluorex ist der Wirkstoff in Mediator; d.h. das Molekül, das für die gewünschte Wirkung des Medikaments sorgt. Es handelt sich um ein hypoglykämisches und anorektisches (oder appetitzügelndes) Molekül. Es ist ein Derivat von Fenfluramin (das zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt wird und ebenfalls anorektische Eigenschaften hat), ist darüber hinaus auch Teil der Familie der Amphetamine. Die Moleküle Fenfluramin und Dexfenfluramin (ein anderes Derivat) wurden 1997 von der FDA (Food Drug Administration) in den Vereinigten Staaten vom Markt genommen. Sie sollen die Ursache von Fällen von Herzklappenfehlern und pulmonal-arterieller Hypertonie (PAH) gewesen sein.

Benfluorex ist als Adjuvans einer angepassten Diät in zwei Fällen indiziert: bei Triglyceridämie und bei übergewichtigen Diabetikern.

Tatsächlich wirkt das Molekül von MediatorⓇ auf die Körperzellen, indem es deren Empfindlichkeit gegenüber Insulin erhöht.

Als Erinnerung: Insulin ermöglicht die Aufnahme von Glukose (Zucker) durch die Zellen, wodurch die Glykämie (Konzentration von Glukose im Blut) gesenkt wird.

Neben dieser Wirkung würde dieses Molekül auch eine hepatische Aktivität bewirken. Es würde die Synthese von Glykogen (Form der Speicherung von Glukose), deren Anstieg eine Abnahme des Appetits hervorbringt. Es wird ebenfalls die Synthese von Triglyceriden (eine Form von Fetten) verringern.

Jedoch haben seine anorektischen Eigenschaften (durch seine hepatische Wirkung) es zu einem bevorzugten Mittel für Menschen, die an Gewicht verlieren wollen, gemacht. Obwohl es off-label ist, ist diese Praxis weit verbreitet.

Schwere Nebenwirkungen

MediatorⓇ wurde aufgrund seiner schweren Nebenwirkungen 2009 in Frankreich vom Markt genommen. Die AFSSAPS (Agence Française de Sécurité Sanitaire des Produits de Santé), Vorgängerin der ANSM (Agence Nationale de Sécurité du Médicament et des produits de santé), beurteilte nach mehreren Studien das Nutzen-Risiko-Verhältnis als unzureichend.

Die Nebenwirkungen von MediatorⓇ

Zwei schwerwiegende Nebenwirkungen wurden nach der Einnahme von MediatorⓇ identifiziert, die beide tödlich enden können: Herzklappenfehler, hauptsächlich der Mitral- und Aortenklappen, sowie pulmonal-arterielle Hypertonie (PAH).

Herzklappenfehler: Definition

Die Herzklappen sind „Klappen“, die sich entsprechen dem Blutfluss öffnen und schließen (und verhindern, dass das Blut zurückfließt). Sie befinden sich im Herzen, zwischen seinen vier Kammern. Sie ermöglichen einen unidirektionalen Blutfluss und verhindern die Mischung zwischen sauerstoffhaltigem und nicht sauerstoffhaltigem Blut. Es gibt vier davon: die Mitralklappe, die Aortenklappe, die Pulmonalklappe und die Trikuspidalklappe.

Im Falle von Benfluorex und seinen Derivaten werden hauptsächlich zwei beeinträchtigt, die Mitral- und die Aortenklappe, die sich im linken Teil des Herzens befinden. In letzterem fließt das frisch mit Sauerstoff angereicherte Blut aus der Lunge zur Aorta hin zu den Organen und Geweben unseres Körpers.

Einige Appetitzügler (insbesondere aus der Fenfluramin-Familie) schädigen diese Klappen durch die Wirkung eines ihrer aktiven Metaboliten (Produkt, das bei der Verstoffwechslung eines Moleküls entsteht): Norfenfluramin. Letzteres aktiviert bestimmte kardiale Rezeptoren, was zu einer Kettenreaktion führt, die sich in einer Verdickung und Versteifung der Herzklappen zeigt, die verantwortlich für die Regurgitation ist. Die Folgen eines Herzklappenfehlers sind schwerwiegend, verlangen eine lang andauernde (wenn nicht sogar lebenslange) Behandlung und können tödlich enden. Darunter findet man z.B.: Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen), Schlaganfälle und Herzinsuffizienz.

PAH: Definition

Die medikamenteninduzierte pulmonal-arterielle Hypertonie (PAH) wird häufig durch eine Gefäßverengung der Lungenarterien verursacht. Diese Verengung des Durchmessers der Gefäße erhöht so den Innendruck der letzteren. Diese Konstriktion erhöht auch den Gefäßwiderstand und führt zu einer Überlastung des rechten Teils des Herzens (der Teil, der venöses Blut ohne Sauerstoff aufnimmt und es in die Lungen pumpt). Letztlich führt diese Überlastung zu einer Rechtsherzinsuffizienz. Die Prognose bei PAH ist schlecht. In der Tat beträgt die Lebenserwartung ohne Behandlung nicht mehr als drei Jahre.

Es gibt heute Behandlungsmöglichkeiten, die das Überleben und die Lebensqualität verbessern können. Moleküle wie Kalziumkanalblocker ermöglichen eine Vasodilatation oder der Prostazykline. Lange Zeit konnte nur eine Lungentransplantation dauerhaft Abhilfe schaffen, doch heute können Prostazykline eine Alternative zur Lungentransplantation darstellen. Sie haben jedoch Nachteile: hohe Kosten, Infektionsrisiken (durch die Katheter, die zur Legung des intravenösen Zugangs benötigt werden) und Nebenwirkungen (Durchfall, Kopfschmerzen, Kieferschmerzen).

Es gibt auch neue Therapien, von denen sich einige bereits auf dem Markt befinden, wie Epoprostenol, Bosentan oder Iloprost, sowie andere, die noch geprüft werden, wie Beraprost und Teprostinil. Wieder andere befinden sich noch in klinischen Studien, wie Sildenafil.

Der Prozess

Die MediatorⓇ -Affäre betraf eine Reihe von Beteiligten. Dieses Medikament wurde vom französischen Labor Servier entwickelt und vermarktet.

  • Dieser Pharmakonzern war und ist aktuell mit 22.000 Mitarbeitern eines der größten Pharmaunternehmen. Das Unternehmen ist in vielen Ländern der Welt ansässig, seine Forschungsprojekte konzentrieren sich heute auf viele therapeutische Bereiche. Darunter fallen z.B.: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, neuro-psychiatrische Erkrankungen und weiter …
  • ANSM, früher AFSSAPS, eine staatliche Behörde, die die Sicherheit von in Frankreich vermarkteten Medikamenten und Gesundheitsprodukten garantiert, war ebenfalls in diesen Prozess involviert. Tatsächlich hätte sie in ihrer Mission als Arzneimittelwächter versagt, indem sie Produkte auf Basis von Benfluorex zu spät vom Markt genommen hätte.

Ab 1989 wurden bei Patienten, die dieses Molekül einnahmen, schwere Nebenwirkungen beobachtet (Rückruf von Fenfluraminen in den USA 1997). Jedoch erfolgt der Entzug der Zulassung des Medikaments erst Ende 2009, vor allem dank der Intervention eines Lungenfacharztes: Dr. Frachon.

Nach Monaten (Eröffnung des Prozesses am 23. September 2019, Urteilsverkündung am 29. März 2021) ging einer der längsten Prozesse der französischen Geschichte zu Ende. Les Laboratoires Servier wurden wegen „schwerer Täuschung“ und „Totschlag und fahrlässiger Körperverletzung“ sowie zu einer Entschädigung für die Opfer bzw. ihrer Angehörigen zu 2,7 Millionen Euro verurteilt. Die Behörde ANSM wurde wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassung zu einer Geldstrafe von 225.000 Euro und wegen geringfügiger Vergehen zu 78.000 Euro verurteilt.

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Autor: Aurélien De Biagi, Assistentin Marketing digital

Aurélien DE BIAGI ist derzeit Praktikant im Digital Marketing Team. Seine Aufgabe ist es, die Community zu animieren sowie zu moderieren, damit die Nutzer das bestmögliche Erlebnis auf der Plattform haben.

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