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Vitaminpräparate ohne ärztliche Kontrolle: Warum „mehr“ nicht immer besser ist

Veröffentlicht am 24.01.2026 • Von Somya Pokharna

Vitamine sind für die Gesundheit unerlässlich, und für viele Menschen scheinen Nahrungsergänzungsmittel eine einfache Lösung zu sein, mit der sie mögliche Mangelerscheinungen loswerden können. Für diejenigen, die unter Müdigkeit, Schmerzen, Brain Fog oder Verdauungsstörungen leiden und viele Medikamente einnehmen, ist es besonders verlockend, ein Produkt auszuprobieren, das sicher, natürlich und einfach anzuwenden scheint.

Allerdings bedeutet „frei verkäuflich” nicht immer „risikofrei”. Wenn Nahrungsergänzungsmittel ohne ärztliche Aufsicht eingenommen werden, können sie Gefahren mit sich bringen: Überdosierung, Ansammlung mehrerer Produkte, Wechselwirkungen mit Medikamenten und die Tatsache, dass bestimmte Produkte nicht genau das enthalten, was auf dem Etikett angegeben ist.

In diesem Artikel beschreiben wir die tatsächlichen Risiken von nicht regulierten Nahrungsergänzungsmitteln und geben Tipps für eine sicherere Anwendung.

Vitaminpräparate ohne ärztliche Kontrolle: Warum „mehr“ nicht immer besser ist

Können Nahrungsergänzungsmittel Probleme verursachen, auch wenn es sich „nur um Vitamine” handelt?

Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein: Vitamine sind wichtig, aber eine hochdosierte Einnahme kann schädlich sein.

Die Regulierung spielt eine wichtige Rolle

Ein wichtiger Punkt ist die Regulierung. In Deutschland (wie in der EU) gelten Nahrungsergänzungsmittel als Lebensmittel und benötigen keine behördliche Vorabzulassung zur Prüfung von Sicherheit oder Wirksamkeit. Vor dem Verkauf müssen sie beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) lediglich angezeigt werden; eine Zulassung ist das nicht.

Für Vitamine und Mineralstoffe gibt es EU-weit keine einheitlich verbindlichen Höchstmengen in Nahrungsergänzungsmitteln. Als Orientierung dienen wissenschaftliche Grenzwerte der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sowie in Deutschland die Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Mit steigender Dosierung, besonders bei langfristiger Einnahme, werden Nebenwirkungen wahrscheinlicher.

Die Kombination von Nahrungsergänzungsmitteln kann riskant sein

Es ist leicht, mehrere Produkte zu kombinieren: ein Multivitaminpräparat, eines für das Immunsystem, Gummibärchen für Haare und Nägel und zusätzlich Vitamin D. Jedes Produkt scheint für sich genommen harmlos zu sein, aber zusammen genommen können sie die sicheren Grenzen überschreiten.

Können Vitamine schädlich sein?

Bestimmte Vitamine werden im Körper gespeichert oder können in hohen Dosen schädlich sein. Hier einige gut dokumentierte Beispiele:

Vitamin D

Ein Überschuss an Vitamin D kann zu Hyperkalzämie (zu viel Kalzium im Blut) führen, was die Nieren schädigen, zu Gewebeverkalkungen führen, Herzrhythmusstörungen verursachen und potenziell gefährlich sein kann. In Deutschland empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für Nahrungsergänzungsmittel, 20 µg Vitamin D pro Tagesdosis (800 I.E.) nicht zu überschreiten; die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit nennt als tolerierbare obere Gesamtzufuhr für Erwachsene 100 µg/Tag (4000 I.E.).

Vitamin A (Retinol)

Hohe Dosen von vorgebildetem Vitamin A können für die Leber giftig sein. Während der Schwangerschaft kann ein Überschuss zu Missbildungen führen, weshalb strenge Grenzen gelten.

Vitamin B6

Eine langfristige Einnahme hoher Dosen kann zu peripherer Neuropathie (Kribbeln, Taubheitsgefühl, Schmerzen, Gleichgewichtsstörungen) führen. Manchmal bleiben diese Symptome bestehen.

Vitamin E

Hohe Dosen können das Blutungsrisiko erhöhen, einschließlich schwerer Blutungen. In Deutschland empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung für Nahrungsergänzungsmittel maximal 30 mg Vitamin E pro Tagesdosis. Als tolerierbare obere Gesamtzufuhr für Erwachsene nennt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 300 mg/Tag.

Eisen

Eisen ist lebenswichtig, aber zu viel kann gefährlich sein. Versehentliche Überdosierungen bei Kleinkindern sind eine bekannte Ursache für tödliche Vergiftungen, und auch bei Erwachsenen kann eine unnötige Einnahme Risiken bergen.

Häufig bleiben „versteckte” Einnahmen aus mehreren Nahrungsergänzungsmitteln unbemerkt. Aus diesem Grund bittet das medizinische Fachpersonal seine Patienten oft, alle ihre Nahrungsergänzungsmittel zu den Terminen itzubringen, nicht nur die täglich eingenommenen.

Wechselwirkungen mit Medikamenten und Krankheiten

Selbst moderate Dosen können medizinische Auswirkungen haben. Zum Beispiel:

  • Vitamin E in hohen Dosen kann das Blutungsrisiko erhöhen, insbesondere bei Personen, die Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmer einnehmen
  • Ein Überschuss an Vitamin D kann besonders für Menschen mit Nierenproblemen oder einem Kalziumungleichgewicht gefährlich sein

Apotheker können eine ausgezeichnete Anlaufstelle sein, um Wechselwirkungen oder Mehrfachverschreibungen schnell zu erkennen.

Risiko der Verschleierung eines Mangels oder der Verzögerung der Diagnose

Bestimmte Nahrungsergänzungsmittel können einen Blutwert oder ein Symptom gerade so weit verbessern, dass ein tatsächliches Problem verdeckt wird.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist Folsäure. Eine hohe Zufuhr kann eine durch Vitamin-B12-Mangel verursachte Anämie beheben, ohne neurologische Schäden zu verhindern, wodurch die Diagnose verzögert wird.

Die Behandlung von Müdigkeit ausschließlich mit Nahrungsergänzungsmitteln kann irreführend sein, da sie vielfältige Ursachen haben kann: Schlafstörungen, Schilddrüsenprobleme, Eisen- oder B12-Mangel, Entzündungen, Depressionen, Nebenwirkungen von Medikamenten ...

Produktqualität und versteckte Inhaltsstoffe

Nicht alle Nahrungsergänzungsmittel sind „Vitamine in Kapselform“. Einige, insbesondere solche, die zur Gewichtsreduktion, Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit oder zum Muskelaufbau verkauft werden, können nicht deklarierte medizinische Inhaltsstoffe enthalten.

Diese versteckten Substanzen können unerwünschte Wirkungen und gefährliche Wechselwirkungen hervorrufen, insbesondere bei Personen mit Herzerkrankungen, Bluthochdruck, psychischen Störungen oder bei Einnahme mehrerer Medikamente.

Faustregel: Wenn die Versprechungen zu gut erscheinen, um wahr zu sein, sollten Sie das Produkt als potenziell riskant betrachten.

Vorsicht vor „Mehr ist besser”

Viele Menschen nehmen Nahrungsergänzungsmittel ein, um das Gefühl zu haben, ihre Gesundheit ist unter Kontrolle. Vitamine sind jedoch kein Ersatz für eine medizinische Betreuung: Eine übermäßige Einnahme bringt keine zusätzlichen Vorteile und kann sogar schädlich sein.

„Präventive” Behauptungen werden nicht immer durch wissenschaftliche Beweise gestützt, und bei einigen Nahrungsergänzungsmitteln wurden in Fachzeitschriften oder Expertenempfehlungen Risikofaktoren aufgezeigt.

Wer muss besonders gut aufpassen?

  • Schwangere und stillende Frauen oder Frauen, die schwanger werden möchten (insbesondere wegen Vitamin A/Retinol)
  • Personen mit Niereninsuffizienz, Nierensteinen oder Kalziumungleichgewicht
  • Personen, die Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmer einnehmen oder an Gerinnungsstörungen leiden
  • Alle Personen, die langfristig mehrere Medikamente einnehmen
  • Kinder, da bestimmte Nahrungsergänzungsmittel (insbesondere Eisen) bei versehentlicher Einnahme gefährlich sein können

Wie verwendet man Nahrungsergänzungsmittel sicher?

  • Beginnen Sie damit, das Ziel zu definieren, nicht das Produkt. Identifizieren Sie das eigentliche Symptom oder Bedürfnis
  • Vermeiden Sie hohe Dosierungen, sofern dies nicht medizinisch notwendig ist
  • Lassen Sie vor Beginn der Behandlung gegebenenfalls die entsprechenden Untersuchungen durchführen (Eisen, B12, Folsäure, Vitamin D)
  • Wählen Sie hochwertige Produkte und seien Sie vorsichtig bei Versprechen einer „Wunderheilung”
  • Führen Sie eine vollständige Liste aller Produkte, die Sie einnehmen, und zeigen Sie diese Ihrem Arzt oder Apotheker
  • Suchen Sie das Fachpersonal auf, wenn Sie beunruhigende Anzeichen bemerken: Kribbeln, Taubheitsgefühl, Blutergüsse, Blutungen, starke Übelkeit, Verwirrtheit

Zusammenfassung

  • Vitamine sind lebenswichtig, aber Nahrungsergänzungsmittel können schädlich sein, wenn sie in zu hohen Dosen, kumulativ oder über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.
  • Einige Risiken sind schwerwiegend: Toxizität von Vitamin D, Nervenschäden durch Vitamin B6, Blutungen durch Vitamin E, Eisenvergiftung und Vorsichtsmaßnahmen bei Vitamin A während der Schwangerschaft
  • Nahrungsergänzungsmittel können Wechselwirkungen mit Medikamenten haben und bestimmte Mangelerscheinungen, wie z. B. B12, verschleiern
  • Die Qualität der Produkte variiert, und einige enthalten versteckte Inhaltsstoffe, insbesondere in bestimmten Kategorien
  • Der sicherste Weg: gezielte Einnahme je nach Bedarf, eine angemessene Dosierung und eine Überwachung durch das medizinische Fachpersonal

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Quellen:
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Autor: Somya Pokharna, Gesundheitsredakteurin

Somya ist Content Creator bei Carenity und hat sich auf das Verfassen von Artikeln zum Thema Gesundheit spezialisiert. Sie absolviert einen Masterstudiengang an der NEOMA Business School. Privat singt Somya gerne,... >> Mehr erfahren

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