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Welchen Einfluss hat Vitamin D auf Multiple Sklerose?

Veröffentlicht am 22.04.2021 • Von Aurélien De Biagi

Um die Auswirkungen eines Vitamin-D-Mangels auf Multiple Sklerose besser zu verstehen, ist es notwendig, die Mechanismen dieser Krankheit und dieses Hormons zu kennen. Das möchten wir Ihnen mit diesem Artikel zeigen.

Fragen Sie sich, was MS ist? Was sind die Eigenschaften von Vitamin D? Welche Verbindung gibt es zwischen den beiden? Das sagen wir Ihnen hier!


Welchen Einfluss hat Vitamin D auf Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS)

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung. Dies bedeutet, dass das Immunsystem des Patienten die eigenen Zellen (die endogenen Zellen) angreift, was zu einer Entzündung führt. In diesem speziellen Fall sind es die Zellen des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark).

Das zentrale Nervensystem ist das Zentrum der intellektuellen, kognitiven und motorischen Funktionen (Bewegung, Gleichgewicht, Muskeltonus, …). Es besteht aus einer Abfolge von Neuronen, die miteinander kommunizieren. Jedes Neuron hat ein Axon: eine lange faserige Verlängerung, die es ihm ermöglicht, Informationen über Nervenimpulse zu senden, die Aktionspotential (AP) genannt werden. Wie bei einem elektrischen Stromkreis müssen die Axone isoliert werden, damit der Nervenimpuls das nächste Neuron so schnell wie möglich erreichen kann. Diese Isolation erfolgt über die Myelinscheide. Die APs „springen“ sozusagen von einem Myelinsegment zum anderen, was die Übertragungsgeschwindigkeit erhöht. Bei Multipler Sklerose werden die Myelinscheide und die Zellen, die sie produzieren (die Oligodendrozyten), vom Immunsystem angegriffen, was die Nachricht verschlechtert oder die Verbreitung verhindert.

Diese Demyeliniserung kann jedes Segment des zentralen Nervensystems betreffen, was die Vielfalt der Symptome erklärt.

Diese Krankheit entwickelt sich in zwei Formen: schubförmig-remittierend (85% der Fälle) oder progredient (15% der Fälle).

Die erste Form ist durch aufeinanderfolgende Schübe gekennzeichnet. Während dieser wird eine Verschlechterung des Zustands und eine Verschlimmerung der Symptome beobachtet. Jedoch normalisiert sich der Zustand nach einigen Tagen und es werden nur geringe oder gar keine Nachwirkungen beobachtet.

Bei der zweiten Form verläuft die Entwicklung langsam und fortschreitend mit oder ohne zusätzliche Schübe.

Heute konzentriert sich die Forschung auf zwei Schwerpunkte: die Entwicklung neuer Immunsuppressiva und die Neuroprotektion, um die irreversiblen Schäden, die durch die Schübe entstehen, einzugrenzen.

Es gilt zu beachten, dass Systeme zur spontanen Reparatur von Läsionen existieren (Remyelinisierung). Sie sind oftmals jedoch unzulänglich, bei manchen Patienten gar nicht vorhanden. Das Verständnis dieser Reparaturwege würde die Entwicklung neuer Therapien ermöglichen und ist ebenfalls Gegenstand der aktuellen Forschung.

Wenn Sie mehr über diese Erkrankung erfahren möchte, lesen Sie gerne unser Informationsblatt, hier.

Vitamin D

Per Definition können Vitamine nicht durch den menschlichen Körper synthetisiert werden, sondern nur durch Nahrung hinzugeführt. Dies trifft auf Vitamin D aber nicht ganz zu. In der Realität handelt es sich um ein Vorhormon. Der Organismus ist in der Lage, es durch die Haut, dank der Sonneneinstrahlung, zu synthetisieren. Vitamin D existiert in zwei Formen: D2 (nur in Pflanzen) und D3 (in Pflanzen und bei Tieren). Diese beiden Formen ermöglichen es, nach der Umwandlung durch den Organismus, zu aktivem Vitamin D (Calcitriol) zu werden.

Letzteres besitzt viele Eigenschaften.

Zuerst einmal ermöglicht durch seine Wirkung auf Calcium- und Phosphatstoffwechsel eine gute intestinale Aufnahme und eine gute Verwendung von Calcium und Phosphor sowie eine normale Kalzämie (Calciumspiegel im Blut). Dadurch wird ein gesundes Knochenwachstum als auch die Aufrechterhaltung Unversehrtheit möglich.

Ein Mangel verursacht eine Demineralisierung der Knochen, was zu Rachitis bei Kindern und zu einer Osteomalazie bei Erwachsenen führen kann. Letzteres erhöht das Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche erheblich.

In wohlhabenden Ländern sind die Profile, deren Risiko eines solchen Mangels am höchsten ist, Alkoholiker, Menschen, die zu wenig im Tageslicht sind und solche, die an chronischen Darmbeschwerden (verminderte Aufnahme) leiden. Darüber hinaus ist Vitamin D fettlöslich. Daher sind Patienten, die sich einer Behandlung gegen Adipositas oder hohen Blutdruck unterziehen (deren Ziel es ist, die Fettabsorption im Darm zu reduzieren), ebenfalls anfälliger für einen Mangel.

Darüber hinaus empfehlen die Gesundheitsbehörden heutzutage ein Rezept für Vitamin-D-Präparate für Menschen über 60 (zwischen 800 und 100 IE/Tag). Tatsächlich wurde gezeigt, dass selbst bei guter Ernährung und ausreichendem Aufenthalt in der Sonne die Konzentration bei diesem Teil der Bevölkerung zu gering bleibt.

Vitamin-D hat ebenfalls eine Wirkung auf das Immunsystem. Es stimuliert die angeborenen Immunzellen (Makrophagen und dendritische Zellen) wie auch die adaptive Immunität vor allem durch die Th2-Lymphozyten (antientzündliche Rolle).

Dieses Vorhormon wird daher im Falle eines Mangels zur Vorbeugung oder Behandlung von Osteoporose und Rachitis, in Kombination mit Calcium, verschrieben. Es wird ebenfalls als Nahrungsergänzungsmittel verwendet, um die Immunabwehr zu stimulieren.

Vitamin D bei Multipler Sklerose

Heute wissen wir, dass Vitamin D auf unser Immunsystem einwirkt. Es erlaubt nicht nur, die angeborene Immunität zu stimulieren, die die erste Verteidigungslinie unseres Körpers darstellt, sondern auch die adaptive Immunität (Lymphozyten).

Die Verbindung zwischen Vitamin D und Multipler Sklerose wurde zunächst aufgrund der höheren Prävalenz der Krankheit in Regionen auf der Welt mit wenig Sonneneinstrahlung hergestellt. Darüber hinaus scheinen, Beobachtungsstudien zufolge, die Patienten in den Wintermonaten mehr Schübe zu entwickeln.

Hinzu kommt, dass mit zunehmender Sonnenexposition die Progression nach einer Episode von CIS (klinisch isoliertes Syndrom), was auf MS hinweist, in Richtung MS abnimmt.

In Zell- und Tierversuchen konnten Forscher beobachten, dass Vitamin D die Wirkung von proinflammatorischen T-Zellen reduziert. Außerdem ermöglicht sie die Stimulation der regulatorischen T-Lymphozyten (LTreg). Letztere sind an Autoimmunerkrankungen beteiligt. Beim Menschen ist ein LTreg-Mangel mit zahlreichen Autoimmunerkrankungen verbunden.

Diese Erwartungen müssen jedoch abgemildert werden. In der Tat wurde ein erhöhter LTreg-Level in den beschädigten Geweben von Patienten mit Multipler Sklerose, rheumatoider Arthritis und Psoriasis beobachtet. Dies legt nahe, dass ein LTreg-Mangel bei diesen Entzündungssyndromen funktionell und nicht quantitativ ist.

Außerdem ist ein Zusammenhang zwischen einem günstigen Krankheitsverlauf und einer Einnahme von Vitamin D noch nicht eindeutig nachgewiesen. Der MS Society of Canada zufolge haben vier Studien keine signifikante therapeutische Entwicklung im Vergleich zu einem Placebo gezeigt. Laut derselben Einrichtung haben fünf Studien eine Verbesserung gezeigt (gemessen der Anzahl an Schüben und der Anzahl der Hirnläsionen), wobei der Nutzen je nach Studie variiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass derzeit ein Vitamin-D-Mangel mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von einer Erkrankung mit Multipler Sklerose verbunden zu sein scheint. Allerdings konnte bisher kein therapeutischer Effekt zwischen einer Calciferol-Einnahme und einer positiven Entwicklung von MS nachgewiesen werden. Studien sind noch im Gange.


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Bis bald! 

Alles Gute!


avatar Aurélien De Biagi

Autor: Aurélien De Biagi, Gesundheitsredakteur, Pharmaziestudent

Aurélien studiert im 5. Jahr Pharmazie an der Universität von Lothringen. Er schreibt Gesundheitsartikel für Carenity. Sein besonderes Interesse gilt den Bereichen Neuropsychiatrie und Herz-Kreislauf.

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