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Die Löffel-Theorie: Was ist das und wie kann sie chronischen Patienten helfen?

Veröffentlicht am 18.04.2022 • Von Courtney Johnson

Die meisten Menschen denken nicht darüber nach, wie viel Energie sie aufwenden müssen, um jeden Tag aufzustehen, sich anzuziehen und zur Arbeit zu gehen oder morgens einzukaufen und abends das Abendessen vorzubereiten. Die meisten Menschen können soziale Pläne machen und diese auch einhalten. Für viele Menschen, die mit einer chronischen Erkrankung leben, ist dies jedoch nicht der Fall.

In einem 2003 veröffentlichten Aufsatz stellte Christine Miserandino die „Löffel-Theorie“ vor, eine Metapher, die unter den „Spoonies“ oder Mitgliedern der Gemeinschaft chronisch Kranker zu einem Schlüsselbegriff geworden ist.

Aber was genau ist die Löffel-Theorie? Wie kann sie Patienten mit chronischen Krankheiten helfen?

Die Löffel-Theorie: Was ist das und wie kann sie chronischen Patienten helfen?

Was ist die Löffel-Theorie? Was sind ihre Ursprünge?

Die Löffel-Theorie ist eine Metapher, die von Christine Miserandino in einem Essay auf ihrem Blog „But You Don't Look Sick“ erschaffen und beschrieben wurde. Seit ihrer Veröffentlichung ist die Löffel-Theorie bei Menschen, die mit chronischen Erkrankungen zu kämpfen haben, beliebt geworden, da sie den Zustand begrenzter Energie beschreibt, indem sie das Bild von Löffeln als Energieeinheit verwendet.

Frau Miserandino lebt mit Lupus, einer chronischen Autoimmunerkrankung, die neben anderen Symptomen durch chronische Schmerzen, Fieber und Müdigkeit gekennzeichnet ist. In ihrem Essay erzählt sie, dass sie sich eines Tages, als sie mit einer Freundin in einem Restaurant aß, den Kopf darüber zerbrach, wie sie ihrer Freundin helfen könnte, zu verstehen, wie es ist, mit einer chronischen Erkrankung zu leben.

Sie schreibt:

„Ich schaute mich am Tisch um, um nach Hilfe oder Rat zu fragen oder zumindest etwas Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Ich versuchte, die richtigen Worte zu finden. Wie sollte ich eine Frage beantworten, die ich selbst nie beantworten konnte?“

Dann sammelte sie 12 Löffel von ihrem Tisch und den Tischen um sie herum und legte sie vor ihre Freundin. Jeder Löffel steht für eine Einheit endlicher Energie. Dann bat sie ihre Freundin, ihre typische Tagesroutine zu beschreiben und für jede Aufgabe einen Löffel wegzunehmen.

Eine Dusche nehmen? Das kostet einen Löffel. Sich anzuziehen? Ein Löffel. Mit der U-Bahn zur Arbeit fahren? Ein weiterer Löffel. Vom Bürostuhl aufstehen, um zum Wasserspender im Büro zu gehen? Noch ein weiterer Löffel. Bald hatte ihre Freundin keine Löffel mehr, was bedeutete, dass sie keine Energie mehr für die anderen Tätigkeiten hatte, die sie erledigen musste oder wollte.

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Diese Visualisierung, die Energie in Form von Löffeln quantifiziert, und das Verständnis, dass Menschen, die mit einer chronischen Erkrankung leben, nur eine bestimmte Anzahl von Löffeln pro Tag zur Verfügung haben, trafen bei Lesern auf der ganzen Welt einen Nerv. 

Die Löffel-Theorie ist inzwischen zu einem gängigen Begriff in der Sprache der chronischen Erkrankungen geworden, da sich Internetnutzer als „Spoonies“ identifizieren, sich in den sozialen Medien über entsprechende Hashtags (#spoonies, #spoontheory usw.) miteinander vernetzen und die Theorie nutzen, um die Einschränkungen zu beschreiben, mit denen sie in ihrem Alltag konfrontiert sind, und wie sie diese überwinden.

Wie kann die Löffel-Theorie Menschen helfen, die mit einer chronischen Erkrankung leben?

Die Löffel-Theorie ist in erster Linie ein nützliches Hilfsmittel, das Freunden und Familienmitgliedern von Menschen, die mit einer chronischen Erkrankung leben, dabei hilft, die Bedeutung von Müdigkeit, Schmerzen und anderen Symptomen in ihrem Alltag zu verstehen. Allein die Tatsache, dass man sich von seinen Mitmenschen verstanden fühlt, kann zu einem Gefühl der Erleichterung führen, neues Vertrauen schaffen und dazu beitragen, dass man sich weniger allein fühlt.

Die Löffeltheorie stärkt die Autonomie der Patienten auf vielfältige Weise:

Selbstverständnis und Selbstmitgefühl entwickeln

Eines der größten Vorteile der Löffel-Theorie für Menschen, die mit einer chronischen Erkrankung leben, ist, dass sie ihnen hilft, sich selbst besser zu verstehen. Obwohl wir oft daran erinnert werden, dass wir nicht durch unsere Erkrankungen definiert werden, kann die Löffelmetapher Ihnen helfen, zu erkennen, dass es kein persönliches Versagen ist, wenn Ihr Körper entscheidet, dass Sie diese letzte Aufgabe nicht von Ihrer To-do-Liste streichen können oder dass Sie es nicht zu diesem einen Getränk nach der Arbeit schaffen. Es ist kein Problem, das Sie lösen können oder über das Sie Macht haben.

Das zu verstehen, kann Ihnen helfen, den kulturellen Druck zu mildern, der Sie dazu drängt, „durchzuhalten“ oder „sich anzustrengen“. Wenn Sie wissen, dass Sie körperliche oder geistige Grenzen haben und diese nicht vollständig kontrollieren können, gibt Ihnen die Möglichkeit, freundlicher mit sich selbst umzugehen, was für Patienten mit chronischen Erkrankungen wichtig ist.

Helfen Sie Ihrem Arzt, die Auswirkungen chronischer Erkrankungen zu verstehen

Im Alltag quantifizieren wir oft die verbleibende Energie oder Reichweite von unbelebten Gegenständen. Denken Sie an die Batterie Ihres Telefons oder Computers oder an den Benzintank Ihres Autos. Wir alle wissen, was es bedeutet, wenn Ihr Tank oder Ihre Batterie fast leer ist.

Es kann schwierig sein, die „versteckten“ Symptome chronischer Erkrankungen, wie Schmerzen oder Müdigkeit, zu quantifizieren. Wenn Sie eine Analogie oder eine visuelle Metapher wie die Löffel verwenden, kann dies dem medizinischen Fachpersonal helfen, die Auswirkungen verschiedener Aktivitäten auf den Patienten besser zu verstehen. Dies kann den Dialog eröffnen und die Arzt-Patienten-Beziehung erweitern und hoffentlich zu einer Pflege, Behandlung oder alternativen Ansätzen führen, die besser auf die Krankheit des Patienten abgestimmt sind.

Eine Gemeinschaft finden 

Unzählige Forschungen haben die Vorteile einer Gemeinschaft für Menschen mit chronischen Erkrankungen belegt. Ob es sich um eine persönliche Peer-Support-Gruppe, eine Online-Gemeinschaft wie Carenity oder eine unkonventionelle digitale Gemeinschaft wie #spoonies handelt, es wurde festgestellt, dass die Verbindung mit anderen Menschen dazu beiträgt, die körperliche und geistige Gesundheit zu verbessern.

Beispielsweise wurde in einer 2013 veröffentlichten Studie mit 299 Menschen, die mit Diabetes leben, untersucht, wie Peer-Health-Coaching zur Verbesserung des Selbstmanagements von Diabetes beiträgt. In der Studie wurden die Diabetespatienten in zwei Gruppen eingeteilt, eine mit Peer-Coaches, die andere ohne. Die Forschung ergab, dass die Studienteilnehmer mit „schwacherem“ Diabetes-Selbstmanagement einen leichten Anstieg ihres HbA1c-Wertes verzeichneten, wenn sie nicht von einem Peer-Coach begleitet wurden, während die Studienteilnehmer mit einem Coach eine Verminderung ihres HbA1c-Wertes verzeichneten.

Durch andere Forschungen wurde herausgefunden, dass Menschen, die an krankheitsbezogenen Peer-Support-Gruppen teilnehmen, folgendes sehen:

  • Bessere Gesundheitsergebnisse als Patienten, die eine rein medizinische Behandlung erhalten
  • Einen besseren Zugang zu zusätzlichen Gesundheitsdienstleistungen, wie z. B. Labortests
  • Ein größeres Vertrauen in die Einhaltung und Befolgung der Behandlung

Sich in einer Gemeinschaft von Menschen zu engagieren, die verstehen, was Sie fühlen oder durchmachen, verringert nicht nur das Gefühl der Isolation oder Einsamkeit, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit einer Verbesserung der Symptome und verringert das Risiko, an Depressionen zu erkranken.

Eine Gemeinschaft vin „Spoonies“ zu finden, könnte nicht einfacher sein. Eine schnelle Suche mit #spoonies oder anderen verwandten Hashtags öffnet die Tür zu einer großen Gemeinschaft von Menschen, die mit allen Arten von chronischen Erkrankungen auf der ganzen Welt leben.

Suchen Sie nach einem #spoonies-Raum auf Carenity? Zögern Sie nicht, sich zu registrieren und im Forum mitzuwirken!


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Alles Gute!

 


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1 Kommentar


mel.d1004
am 23.04.22

Bisher verglich ich mich eher mit einem Tank, der halb voll ist (klingt besser als halb leer) und ich mir die Reserve gut einteilen muss, um alle Alltagsdinge zu erledigen. … es ist jedoch nicht immer gleich mit der MS… heute bemerkte ich schon beim Aufwachen, dass mich das Aufstehen einen Löffel kostet, duschen.. wieder einer weniger. Da sind die Kinder noch nicht mal wach, kein Frühstück gemacht, noch nicht eingekauft… und schon zwei Löffel weniger und das um 7 Uhr am Morgen. Heute quält die Fatigue körperlich und geistig. Wie ich mir die restlichen Löffel für heute einteilen soll, weiß ich nicht wirklich.

Zur Erklärung für Freunde und Familie jedoch ein sehr treffendes und anschauliches Beispiel, das ich gerne anwenden werde. Vielen Dank dafür!

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