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Experteninterview: alles was Sie über Ergotherapie wissen sollten

23.10.2019

Jessica Saint-Martin ist Ergotherapeutin, sie hat 2015 ihren Abschluss gemacht und arbeitet in der Region Bouches-du-Rhône in Frankreich. Sie erklärt die Ausbildung eines Ergotherapeuten und ihre Rolle in Bezug auf den Patienten, um den Nutzen dieser Praxis, die viele chronische Krankheiten betrifft, besser zu verstehen.

Experteninterview: alles was Sie über Ergotherapie wissen sollten

Hallo Jessica, können Sie kurz erklären, worum es bei der Ergotherapie geht?

Die Ergotherapie ist ein Gesundheitsberuf, der seine Praxis auf den Zusammenhang zwischen menschlicher Aktivität und Gesundheit gründet. Ziel ist es, Aktivitäten auf sichere, autonome und effiziente Weise aufrechtzuerhalten, wiederherzustellen oder zu ermöglichen. Wir begleiten die Person in ihrer Umgebung, damit sie die Situationen von Behinderungen, denen sie bei ihren täglichen Aktivitäten begegnet, reduzieren oder sogar beseitigen kann (persönliche Betreuung wie Pflege, Anziehen, Bewegen, Kommunizieren, Freizeit, Essen...). Die Ergotherapeutin analysiert die Bedürfnisse, den Lebensstil, die Umweltfaktoren und die Behinderungssituation, um eine geeignete Lösung vorzuschlagen. Dieses Gesundheitspersonal wird dann einen Pflegeansatz und Rehabilitations- und/oder Readaptationsmaßnahmen durchführen, um die Autonomie der Person zu fördern.

Welche Ausbildung ist erforderlich, um Ergotherapeut zu werden?

Um Ergotherapeut zu werden, müssen Sie in Deutschland - wie auch in Frankreich - eine dreijährige schulische Ergotherapie-Ausbildung an einer Berufsfachschule durchführen. Neben dem Unterricht in der Klasse sind angehende Ergotherapeuten auch in Übungsräumen, Turnhallen und Werkstätten zu finden. Ergänzt wird der Unterricht durch Praktika, die in Klinken oder Praxen stattfinden.

Damit man einen Einblick in die vielfältigen Arbeitsbereiche und Anwendungsgebiete bekommt, sind oft mehrere Praktika von einer Dauer zwischen zwei und acht Wochen in unterschiedlichen Fachbereichen vorgesehen. Genaue Anzahl und Dauer variieren je nach Berufsschule, der Ausbildungsrahmenplan gibt eine Gesamtdauer von 1700 Stunden vor. An einer privaten oder staatlichen Schule schließt man die Ausbildung mit einer staatlichen Prüfung ab und ist am Ende „staatlich anerkannter Ergotherapeut“.

Welche chronischen Krankheiten können durch die Ergotherapie betroffen sein? Was sind ihre Ziele?

Viele chronische Krankheiten können von Ergotherapie betroffen sein. Die Gründe für die Termine sind vielfältig (Rehabilitation, Beratung bei der Wahl eines Rollstuhls, Zugänglichkeit der Umgebung, Einrichtung eines Wohnzimmers, Installation von technischen Hilfsmitteln oder Kompensationsmitteln...), betreffen aber alle die Autonomie der Person bei ihren alltäglichen Tätigkeiten.

Welche Vorteile hat die Ergotherapie in der Psychiatrie?

Der Ergotherapeut in der Psychiatrie wird es der Person ermöglichen, sich um sich selbst zu kümmern, indem sie Aktivitäten ausführt, die für sie sinnvoll sind, aber auch Aktivitäten, die für andere sinnvoll sind. Die vorgeschlagenen Maßnahmen können sich auf das tägliche Leben beziehen, um die Fähigkeiten einer Person zu entwickeln, sie autonomer zu machen. So können je nach Bedarf der Person Kochsimulationsworkshops mit unterschiedlichen Zielen durchgeführt werden. Beispiele sind: die Erstellung der Einkaufsliste (Organisation/Planung), der Weg an einen öffentlichen Ort, um sie umzusetzen (Kontrolle der Emotionen/Verhaltensstörungen), oder der Fahrprozess zur Rezepterstellung (Praxis/exekutive Funktionen). Manuelle Tätigkeiten und soziale Fähigkeiten werden in der Psychiatrie oft von Ergotherapeuten durchgeführt.

Welchen Nutzen hat die Ergotherapie bei Gedächtnisstörungen, insbesondere bei der Alzheimer-Krankheit?

Der Ergotherapeut greift zu verschiedenen Zeiten während der Entwicklung der Pathologie ein. In der Anfangsphase bietet er Workshops zur kognitiven Stimulation an, um die Fähigkeiten zu erhalten. Die Stimulation kann nach den Interessen der Person oder von einer Gruppe durchgeführt werden, um den Austausch zu fördern. Danach schlägt der Ergotherapeut Möglichkeiten vor, Gedächtnisstörungen je nach Lebensstil auszugleichen, z.B. durch die Einrichtung eines Kalenders oder einer Uhr, damit Frau X nicht vergisst, wie jeden Donnerstagmorgen zum Dorfmarkt zu gehen. Der Ergotherapeut kann auch die Tätigkeiten, die die Person früher ausgeübt hat, an ihre aktuellen Fähigkeiten anpassen, z.B. durch die Bereitstellung von technischen Hilfsmitteln. Es ist möglich, ein Buch mit den Lieblingsrezepten von Herrn Y. zu erstellen, damit er die Gerichte, die er früher serviert hat, weiter zubereiten kann, ohne einen Schritt zu vergessen. Die Unterstützung von Betreuern gehört ebenfalls zur Rolle des Ergotherapeuten, um das tägliche Leben zu erleichtern.

Kann die Ergotherapie auch bei Patienten eingesetzt werden, die in ihrer Rehabilitation einen Schlaganfall erlitten haben?

Nach einem Schlaganfall greift der Ergotherapeut sofort nach dem Krankenhausaufenthalt ein, um sicherzustellen, dass die Person über die für ihre Unabhängigkeit erforderliche Ausrüstung verfügt (Krankenbett, angepasste Matratze, Rollstuhl oder Gehhilfe, falls erforderlich, technische Hilfsmittel für Mahlzeiten, Ankleiden, WC...). Anschließend schlägt der Ergotherapeut eine an die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Person angepasste Rehabilitation (motorisch und/oder kognitiv) vor, damit sie möglichst viele Fähigkeiten wiedererlangen kann. Im Laufe der Zeit wird der Ergotherapeut die eingesetzten Hilfsmittel anpassen. Am Ende des Krankenhausaufenthaltes kann der Ergotherapeut zu Hause eingreifen, um eine Beurteilung des Patienten vorzunehmen und Änderungen vorzuschlagen, die die Rückkehr nach Hause erleichtern, immer entsprechend den Fähigkeiten der Person.

Wie können Patienten einen Ergotherapeuten kontaktieren?

Eine ergotherapeutische Behandlung kann z. B. während eines Klinikaufenthalts, einer Rehabilitationsmaßnahme, in einem Altenheim oder in Einrichtungen der Frühförderung erfolgen. Zunehmend wird Ergotherapie auch am Arbeitsplatz eingesetzt, etwa im Rahmen der betrieblichen Wiedereingliederung. Deutschlandweit bieten Ergotherapeuten darüber hinaus auch ambulant, also in eigener Praxis, ihre gesundheitlichen Dienste an. Viele Praxen verfügen über barrierefreie Räumlichkeiten und fast alle bieten Hausbesuche an.

Die Verordnung für eine ambulante Ergotherapie stellt die behandelnde Ärztin aus. Pro Rezept müssen Patienten in der Regel eine Zuzahlung von 10 % selbst tragen. Die erste Verordnung umfasst üblicherweise zehn Behandlungseinheiten. Erfolgt danach eine Weiterbehandlung, so werden in der Regel erneut zehn Therapieeinheiten verordnet. Eine Therapieeinheit beträgt je nach durchgeführter Maßnahme zwischen 30 und 60 Minuten. Die Frequenz der Behandlungstermine ist abhängig von der Situation der Betroffenen. Bei medizinischer Notwendigkeit, wenn eine Patientin also nicht in die Praxis kommen kann, findet Ergotherapie auch als Hausbesuch statt.

Ist Ergotherapie eine Langzeittherapie oder können Patienten nach wenigen Termine täglich ihre Vorteile spüren?

Es hängt alles von der Person und ihren Bedürfnissen ab, manchmal kann eine Intervention ausreichen, um der Person in ihrem täglichen Leben zu helfen, manchmal sind mehrere Interventionen notwendig, damit ein Projekt erfolgreich ist. Im Allgemeinen werden Interventionen über einen langen Zeitraum durchgeführt, da wir, wie oben erwähnt, in verschiedenen Phasen der Pathologien eingreifen, um den Menschen während der Evolution zu unterstützen.

Wie wird die Anzahl der erforderlichen Termine ermittelt?

Vor jedem Eingriff wird eine Kontrolle durchgeführt, unabhängig von der Pathologie. Basierend auf den mit der Person festgelegten Zielen schlägt der Ergotherapeut einen Aktionsplan vor und legt die Anzahl der Sitzungen fest, die zur Erreichung dieser Ziele erforderlich sind. In Zusammenarbeit mit dem Arzt wird die Anzahl der Sitzungen verschrieben.

Arbeiten Sie im Krankenhaus oder direkt bei den Patienten zu Hause? Gibt es eine spezielle Ausrüstung?

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten werden in Strukturen eingesetzt, in denen sie Interventionen entsprechend den Zielen des Einzelnen und des Gesundheitsteams anbieten können.
Wir haben auch die Möglichkeit, in die Häuser der Menschen zu gehen, insbesondere um nach einer Änderung der Situation eine Heimbewertung durchzuführen, wenn das Haus Änderungen erfordert, die es der Person ermöglichen, in ihrer Umgebung autonom zu sein. Heimische Interventionen können im Rahmen der Begleitung durch eine Struktur oder durch einen Ergotherapeuten in der Praxis durchgeführt werden.
Die für die Eingriffe eines Ergotherapeuten erforderliche Ausstattung ist je nach Fachgebiet sehr unterschiedlich. Jede Sitzung hängt sehr stark vom Patienten ab, es gibt kein Standardverfahren.

Was sind die häufigsten Anliegen der Patienten in Ihrer Pflege? Wie kann dies behoben werden?

Ich würde sagen, dass die größte Sorge die mangelnde Kenntnis unserer Arbeit und unseres Handlungsbereichs ist. Manchmal werden Menschen an uns verwiesen, ohne zu wissen, was wir anbieten können oder nur einen kleinen Teil unseres Unternehmens zu kennen. Menschen kontaktieren uns oft nur für einen Aspekt ihres täglichen Lebens und bei unserer Beurteilung stellen wir fest, dass es noch weitere Aspekte gibt, die von der Behindertensituation betroffen sind. Die Menschen sind oft überrascht von unserem breiten Betätigungsfeld und zufrieden mit dem Aussehen und der Beratung, die wir ihnen geben können, um ihnen das tägliche Leben zu erleichtern.
Insgesamt würde ich den Patienten raten, sich führen zu lassen.


Mehr über Jessica Saint-Martin


Seit Juni 2015 bin ich Ergotherapeutin, Absolventin des IFE in Montpellier. Meine erste Stelle begann einige Tage nach dem Studium als Ersatz in einem spezialisierten Alzheimer-Team. Dann fuhr ich mit einem weiteren Ersatz in SAMSAH (Service d'Accompagnement Médico- Social pour Adultes Handicapés) fort. Seit September 2016 lebe ich als Liberale. Ich arbeite hauptsächlich mit Kindern mit Lernbehinderungen, aber auch mit EHPADs, FAMs (Foyer Accueil Médicalisé) oder SSIADs (Heimpflegedienste). Ich werde auch kontaktiert, um Hausbewertungen und Anpassungen für ältere oder gebrechliche Menschen durchzuführen. Letztes Jahr schließlich habe ich mich in der Tiervermittlung ausgebildet, um mit meinem Hund zu versorgen und Zootherapie zu praktizieren, was für die Begleitung von Menschen ein echter Gewinn ist.

Siehe auch Deutscher Verband der Ergotherapeuten: https://dve.info/ergotherapie/infos-fuer-patienten#

avatar Louise-B

Autor: Louise-B, Content & Community Manager

Louise ist Community Managerin von Carenity in Frankreich und Chefredakteurin des Gesundheitsmagazins. Sie bietet allen Mitgliedern Artikel, Videos und Erfahrungsberichte. Ihr Ziel ist es, die Stimme der Patienten zu transportieren und ihre Erfahrungen auf der Website zu verbessern.

Kommentare

am 24.10.19

Toller Bericht Ich hab eine ehemalige Ergotherapiepraktikantin als Bekannte die hab bei mir in der Lebenshilfe kennengelernt und noch Kontakt. lg j

am 24.10.19

Ganz toll geschrieben und sehr informativ. Vielen lieben Dank dafür. LG. Kessi

am 24.10.19

Super Bericht ich wusste gar nicht wie umfangreich der Beruf ist. Unser Sohn hatte im letzten Kindergarten Jahr Ergo Therapie weil seine Grapho Motorik ✍🏻 noch nicht so gut war. Er hatte viel Spaß und hat schöne Dinge dort getan . Für mich einen kleinen Jutesack zu Weihnachten genäht . Er hatte in der Schule keine Probleme beim Schreiben 🖊 lernen . Jetzt in der zweiten Klasse klappt es mit der Schreibschrift super. Da bin ich der Ergotherapeutin dankbar für die gute Arbeit. Lg Annatoula    

am 27.10.19

Danke für den sehr interessanten Beitrag.

Ja es ist sehr wichtig Ergotherapeuten zu haben.Ich arbeite eng mit diesen zusammen und schätze die Arbeit sehr.

Das Arbeitsgebiet ist so umfassend und die Patienten schätzen die Tätigkeiten der Therapeuten sehr

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